Six days of digging.
One reason to come back.
Noch bevor Alessio Tonoli zu einem der meistdiskutierten Freerider der Saison 2025 wurde, gab es diesen einen Gedanken: Utah. Während er mit seinen Auftritten beim Darkfest, der Fest Series und seinem Whip-Off-Weltmeistertitel am Crankworx Joyride internationale Aufmerksamkeit auf sich zog, wartete eine andere Geschichte auf ihren richtigen Zeitpunkt. "84779 "ist die Verwirklichung einer Idee, die schon lange existierte, bevor die Welt begann, seinen Namen zu kennen.
Ein Film von Andrin Beyeler
Zwischen Sand, Stein und einem Gedanken, der schon lange da war
Alessio, nimm uns an den Anfang mit. Woher kam die Idee, für ein eigenes Projekt nach Utah zu gehen?
Die Idee ist eigentlich schon sehr lange da. Lange bevor ich überhaupt so Mountainbike gefahren bin, wie ich es heute mache. Früher, als wir noch viel BMX und Dirt Jump gefahren sind, war Utah schon dieser Ort, von dem man wusste:
"Irgendwann willst du da hin. Nicht einfach nur, um dort zu fahren, sondern um selber etwas zu bauen, eine eigene Line zu suchen und herauszufinden, was dort möglich ist."
Für mich war es nie eine spontane Idee, sondern eher etwas, das immer im Hinterkopf war. Und irgendwann merkst du: Jetzt passt es. Vom Skill her, vom Gefühl auf dem Bike, von allem, was in der letzten Saison passiert ist. Ich hatte ein gutes Jahr, war viel auf dem grossen Bike unterwegs und habe gemerkt, dass ich bereit bin für so etwas.
Warum gerade Utah?
Utah kennt man als Freerider natürlich wegen Rampage. Es ist einer dieser Orte, die fast jeder Rider irgendwann einmal sehen will. Die Landschaft, die Grösse, diese roten und dunklen Felsen, die offenen Hänge - das ist schon sehr speziell. Es gibt dort nicht einfach fertige Trails, wie man sie von einem Bikepark kennt. Du musst den Spot lesen, du musst verstehen, wo eine Line möglich ist, und dann musst du sie selber bauen.
Genau das hat mich interessiert. Nicht nur hinfahren und einen Clip machen, sondern etwas Eigenes entwickeln. Einen Ort finden, der nicht schon komplett vorgegeben ist. Etwas, das zu mir passt und trotzdem nach Utah aussieht. Dort ist alles ein bisschen grösser, roher und direkter. Wenn du dort bist, willst du genau dieses Freeride-Zeug machen.
Wie viel Arbeit steckt in so einer Line, bevor man überhaupt fahren kann?
Sehr viel. Mehr, als man von aussen wahrscheinlich sieht. In Utah sieht vieles auf Bildern oder in Videos einfach natürlich und clean aus. Aber bis etwas fahrbar ist, musst du extrem viel schaufeln, formen und vorbereiten. Der Boden ist ganz anders als bei uns. Viel sandiger, weicher, trockener. Wenn kein Wasser da ist, wird es schwierig.
Wir haben jeden Tag sehr viel Wasser hochgetragen, 30 oder 40 Liter, manchmal sogar mehr. Das klingt vielleicht wie ein kleines Detail, aber dort oben bestimmt Wasser, ob du überhaupt arbeiten kannst. Wenn der Boden etwas feucht ist, lässt er sich gut formen. Wenn nicht, ist es einfach nur trocken, staubig und mühsam.
Und das Ganze passiert nicht direkt neben dem Auto. Du läufst hoch, du trägst Material, du schaufelst, du testest, du reshapest wieder. Es ist ein ziemlicher Hustle. Aber genau das macht es auch speziell. Die Line gehört dir am Ende mehr, weil du sie nicht einfach gefunden, sondern wirklich gebaut hast.


“Es ist ein riesiger Hustle,
dort etwas zu bauen.”
Du hattest im Vorfeld eine Liste mit Ideen. Wie wurde daraus am Ende diese Line?
Wir hatten tatsächlich eine Liste auf dem Handy. Ideen, was wir bauen könnten, welche Features spannend wären, was wir anschauen wollen. Aber dann sind wir am ersten Tag losgelaufen und haben relativ schnell diesen schwarzen Stein gesehen. Und eigentlich war sofort klar: Genau dort müssen wir anfangen.
“WIR HATTEN EINE LISTE. DANN HABEN WIR DIESEN STEIN GESEHEN UND WUSSTEN: GENAU DAS MACHEN WIR.”
Von da an hat sich alles ziemlich natürlich ergeben. Zuerst war es dieser eine Stein. Dann habe ich weiter oben noch einen gesehen. Dann nochmals einen. Und plötzlich hat sich die ganze Line durch die Landschaft gezogen. Es war nicht mehr so, dass wir stundenlang Spots verglichen haben. Wir haben diesen einen Ort gesehen und gewusst, dass wir dort bleiben.
Das war eigentlich auch das Schöne daran. Du kommst mit einem Plan, aber der Ort entscheidet am Ende mit. Und wenn du etwas siehst, das sich richtig anfühlt, dann musst du nicht mehr lange überlegen.
Viele kennen dich von Events, grossen Sprüngen und Whips. Was wolltest du mit diesem Projekt von dir zeigen?
Ich glaube, man sieht von mir meistens Sprünge, Airtime und Event-Zeug. Das kommt natürlich auch daher, dass ich viele Clips von Contests oder Sessions poste. Dort geht es oft um grosse Jumps, Style und Tricks. Aber das ist nicht alles, was ich fahre.
Zu Hause fahre ich sehr viel Enduro und Downhill. Ich mag technisches Gelände, steile Passagen, kreative Lines. Das sieht man von mir einfach weniger. Mit diesem Projekt wollte ich zeigen, dass diese Seite auch zu mir gehört. Nicht nur in der Luft, sondern auch auf dem Boden, über Steine, durch schwieriges Gelände, mit einer Line, die du selber lesen musst.
Utah war dafür perfekt. Wenn du an so einem Ort bist, willst du nicht nur einen grossen Jump bauen und fertig. Du willst mit der Landschaft arbeiten. Du willst etwas fahren, das nur dort Sinn ergibt.
Was war fahrerisch anders als bei deinen bisherigen Projekten?
Es war weniger vorhersehbar. Bei vielen Jumps weisst du irgendwann ziemlich genau, was passiert. Du hast einen Take-off, eine Landung, eine Geschwindigkeit. Natürlich bleibt es schwierig, aber du kannst vieles sehr präzise einschätzen.
In Utah war es anders. Die Line hatte viel mehr natürliche Elemente. Steine, Kanten, weicher Boden, Stellen, die sich beim Fahren anders anfühlen als beim Anschauen. Du musst viel mehr mit dem Gelände reagieren. Du spürst den Wind, du hörst das Bike, du merkst im Absprung, ob die Geschwindigkeit passt. Und trotzdem bleibt ein Teil davon Gefühl.
Das macht es spannend, aber auch sketchy. Du kannst nicht alles bis ins letzte Detail kontrollieren.
"Irgendwann musst du wissen: Es passt. Oder eben nicht."






Gab es einen Moment, in dem du oben standest und dachtest: So etwas habe ich noch nie gemacht?
Ja, schon. Es ist nicht unbedingt nur die Grösse von einem Feature. Es ist das Gesamtgefühl. Du bist an einem Ort, den du nicht kennst, auf einem Boden, der sich anders verhält, mit einer Line, die du selber gebaut hast. Und dann stehst du oben und weisst: Jetzt muss das alles zusammenpassen.
Vor dem Canyon Gap habe ich mich eigentlich gut gefühlt. Ich hatte Respekt, klar. Aber ich war nicht komplett unsicher. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, dass es funktioniert. Wir hatten die Line vorbereitet, wir hatten angeschaut, wie andere dort gefahren sind, und ich wusste ungefähr, was ich machen muss.
Gerade deshalb war der Crash im Nachhinein so frustrierend. Es fühlte sich nicht an wie etwas, das völlig ausser Kontrolle war. Es fühlte sich eher an wie ein kleiner Fehler im falschen Moment.
Was ist passiert?
Ich bin angefahren und habe aus irgendeinem Grund leicht gebremst. Eigentlich hätte ich an dieser Stelle nicht bremsen sollen. Es war nicht viel, aber es hat genau gereicht, dass die Geschwindigkeit nicht mehr gepasst hat.
"Ich wusste schon vor dem Absprung, dass ich nicht drüberkomme."
Das ist ein sehr komischer Moment. Du bist noch auf dem Bike, aber im Kopf weisst du schon, dass es nicht aufgeht. Dann geht alles sehr schnell. Danach lag ich am Boden und habe eigentlich sofort verstanden, was passiert ist. Das Erste war nicht einmal der Schmerz. Das Erste war wirklich: Warum habe ich gebremst?
Das hat mich extrem beschäftigt. Weil bis dahin vieles gut funktioniert hatte. Die Line, die oberen Parts, das Filmen. Wir waren eigentlich an dem Punkt, an dem wir die wichtigen Sachen shooten wollten. Und dann ist beim ersten grossen Ding Schluss.
War dir sofort klar, dass der Trip vorbei ist?
Nicht im ersten Moment. Zuerst dachte ich sogar noch an das Bike. Ob es kaputt ist. Ob man es vielleicht nochmals probieren könnte. Das klingt jetzt vielleicht absurd, aber direkt nach so einem Crash checkst du nicht sofort alles. Ich konnte noch alles bewegen und dachte kurz: Vielleicht geht es irgendwie.
Dann kam der Schmerz. Und dann war ziemlich schnell klar, dass es vorbei ist. Wir hatten Glück, dass Tylor James dabei war. Er kannte die Gegend und blieb ruhig. Ohne ihn wären wir wahrscheinlich ziemlich verloren gewesen. Wir hatten uns vorher ehrlich gesagt kaum Gedanken gemacht, was passiert, wenn wirklich etwas schiefgeht.
Das war sicher ein Learning. Du bist so fokussiert auf die Line, auf das Bauen, auf das Fahren, dass du die Konsequenzen nicht immer bis zum Ende durchdenkst. Aber an so einem Ort bist du weit weg. Wenn etwas passiert, ist es nicht einfach wie im Bikepark, wo gleich jemand da ist.
"Das klingt jetzt vielleicht absurd, aber ich konnte noch alles bewegen und dachte kurz: Ob ich es vielleicht nochmals probieren könnte..."
Wie ging es danach weiter?
Wir sind zuerst in den USA ins Spital. Dort hiess es, es sehe nicht so schlimm aus und man könne das zu Hause behandeln. Also haben wir noch etwas gewartet und sind dann zurückgeflogen. Auf dem Heimweg hatten wir sogar noch einen Zwischenstopp in Chicago. In Zürich hat mich mein Vater abgeholt, und von dort ging es direkt wieder ins Spital.
Dort haben sie dann ein CT gemacht und gesagt, dass es doch deutlich ernster ist. Der Arzt meinte im Grunde, dass die Einschätzung in Amerika nicht wirklich gestimmt hat und dass man so schnell wie möglich operieren müsse. Also bin ich geblieben und wurde kurz darauf operiert.
Das war natürlich nicht der Plan. Aber im Nachhinein muss man sagen: Es hätte auch schlimmer ausgehen können. Es war Glück im Unglück. Der Crash war hart, der Trip war vorbei, aber es war nichts, das mich langfristig stoppen sollte.
Trotzdem klingt es nicht so, als hättest du mit Utah abgeschlossen.
Nein, gar nicht. Eigentlich hatte ich direkt wieder Lust, zurückzugehen. Noch im Spital war dieser Gedanke da: Ich will das nochmals machen. Nicht unbedingt kopflos oder sofort, aber einfach, weil bis zum Crash alles gut funktioniert hatte.
Das ist vielleicht das Frustrierende. Wenn ein Projekt von Anfang an nicht aufgeht, akzeptierst du es vielleicht einfacher. Aber hier hatten wir schon viel Material, die Line funktionierte, die Spots waren stark, und dann endet es wegen einem Fehler in einem Moment. Deshalb fühlt es sich nicht abgeschlossen an.
Für mich ist Utah eher etwas, zu dem ich zurück will. Vor allem Big Water war krass. Wenn man dort mit einer guten Crew zwei oder drei Wochen Zeit hätte, könnte man etwas richtig Starkes bauen. Dieses Projekt war vielleicht der erste Schritt.
Was bleibt von 84779?
Für mich bleibt vor allem die Erfahrung. Selber eine Line suchen, selber bauen, in dieser Landschaft fahren, mit einer kleinen Crew unterwegs sein. Das ist etwas anderes als ein Event oder ein klassischer Videodreh. Es ist viel direkter. Du bist den ganzen Tag draussen, du schaufelst, du diskutierst, du wartest auf Wind und Licht, du probierst Sachen aus.
Und es bleibt die Erkenntnis, dass solche Projekte nicht komplett planbar sind. Du kannst eine Liste machen, du kannst Spots vorbereiten, du kannst dir überlegen, was du filmen willst. Aber am Ende entscheidet der Ort, das Wetter, dein Gefühl auf dem Bike und manchmal ein einziger Moment.
Ich glaube, genau das macht Utha 84779 aus. Es ist kein perfektes Projekt im klassischen Sinn. Es ist roh, es ist ehrlich und es zeigt etwas, das nicht fertig wirkt. Aber vielleicht ist genau das der Punkt.
"84779 fühlt sich nicht abgeschlossen an. Es fühlt sich an wie der Anfang von etwas Grösserem."






