Ein Barkeeper füllt eine Flasche El Tony Mate an einer Bar.

Bar News

3. September 2025

Ein Barkeeper füllt eine Flasche El Tony Mate an einer Bar.

«Clubkultur ist kein Luxus, sondern Ausdruck eines menschlichen Grundbedürfnisses»

Alexander Bücheli ist Geschäftsführer der Bar & Club Kommission und setzt sich seit Jahren für die Nachtkultur ein. Ein Gespräch über das Clubsterben, neue Ausgehgewohnheiten und darüber, warum sie die Clubnacht ins Leben gerufen haben.

Eine Person sitzt an einem Tisch vor einer bunten Bar mit El Tony Mate-Getränk.

Für alle, die eure Arbeit nur vom Namen her kennen: Was genau macht ihr, und warum ist das gerade heute wichtig?
Wir setzen uns für gute Rahmenbedingungen für das Nachtleben ein. Wir beraten unsere Mitglieder, zum Beispiel bei Lärmklagen, Personalfragen oder anderen Problemen. Wir bieten Weiterbildungen für Mitarbeitende an, vernetzen die Szene und betreiben Öffentlichkeitsarbeit. Wir erklären, was Clubkultur bedeutet und warum sie ein unverzichtbarer Teil einer lebendigen Stadt ist.

Das Nachtleben sieht anders aus als noch vor 10 oder 20 Jahren. Was hat sich am stärksten verändert?
Die Szene hat sich grundlegend gewandelt. Früher feierte man oft illegal in Kellern, alten Fabriken, irgendwo am Stadtrand. Die Deindustrialisierung in den Städten schuf Räume, die Clubs erst möglich gemacht haben. Ein Wendepunkt war die Liberalisierung des Gastgewerbegesetzes Ende der 1990er-Jahre. Damit wurde aus der Subkultur ein Wirtschaftszweig. Heute ist alles professioneller. Was jetzt spürbar ist: dass Zwischennutzungen zunehmend verschwinden, Investoren kaufen, bauen, verdrängen. Räume gehen verloren.

Der Club Zukunft ist Geschichte, das Mascotte schliesst – zwei feste Grössen im Zürcher Nachtleben sind dieses Jahr verschwunden. Sind das Einzelfälle oder Ausdruck eines strukturellen Problems?
Das ist ein massiver Verlust – wie wenn ein bekanntes Theater in der Stadt schliessen würde. Es verschwinden kulturelle Räume, nicht einfach nur Lokale. Die Zuki war international vernetzt, das Mascotte hat über hundert Jahre Geschichte. Solche Orte führen nicht nur Hunderte von kulturellen Veranstaltungen durch, sie prägen die Identität einer Stadt und lassen sich nicht einfach ersetzen. Natürlich hat jeder Fall seine eigene Geschichte. Aber das Muster ist klar: In den letzten 15 bis 20 Jahren ist die Zahl der Tanzlokale in Zürich um rund 30 Prozent gesunken. Das passiert still und schleichend. Das grösste Problem sind geeignete, bezahlbare Räume. Alle wollen ausgehen, aber niemand will den Club als Nachbarn. Und die zunehmenden wirtschaftlichen Herausforderungen führen nun halt auch dazu, dass das Interesse, einen neuen Club zu eröffnen, klein ist.

Viele junge Menschen trinken bewusster oder gar keinen Alkohol mehr, und die Einnahmen pro Gast sinken. Was bedeutet das für das Geschäftsmodell von Clubs?
Das spürt man deutlich. Die Bar trägt mindestens 60 % zum Umsatz bei. Doch was viel stärker ins Gewicht fällt, ist die sinkende Kaufkraft bei unserer Zielgruppe. Ich habe vor 35 Jahren meine Lehre gemacht – der Lehrlingslohn ist immer noch in etwa gleich, doch die allgemeinen Lebenshaltungskosten sind stark gestiegen. Die Jungen geben auch weniger aus, weil ihre Kaufkraft in den letzten Jahren abgenommen hat. Und sie gehen anders aus: früh rein, früh raus. Die Clubs reagieren – mit Daydance, Early Evenings und neuen Formaten.

Heisst das, alkoholfreie Drinks sind heute ein Muss?
Auf jeden Fall. Die Nachfrage nach alkoholfreien Getränken steigt. Ein attraktives alkoholfreies Angebot gehört heute einfach dazu. Nicht nur Cola oder Sprite, sondern auch Mocktails, Grapefruit-Soda, Mate. Das ist längst Standard. Ich habe kürzlich mit jemandem aus der Spirituosenbranche gesprochen, der gesagt hat, der Filler habe an Wert gewonnen. Es geht nicht mehr primär um den Alkohol, sondern zunehmend auch um das, womit man ihn kombiniert. Die Leute wollen den Mate von El Tony zum Beispiel als Filler und nicht einfach irgendeinen Brand. Für Clubs heisst das: breiter denken, neue Produkte ins Zentrum stellen. Klar, ohne Alkohol bleibt die dritte oder vierte Runde oft aus. Das merkt man beim Umsatz. Aber wer heute eine zeitgemässe Barkultur bieten will, kommt an solchen Getränken nicht vorbei.

Im September lanciert ihr die Clubnacht – ein neues Format für Studierende. Was steckt dahinter?
Mit der Clubnacht wollen wir insbesondere junge Menschen zum Schnuppern einladen. Passend zum Semesterstart öffnen rund ein Dutzend Zürcher Clubs ihre Türen: 20 Franken Eintritt, verschiedene Musikrichtungen – einfach reinkommen und ausprobieren. Dabei geht es auch darum, die nächste Generation wieder näher an die Szene zu bringen. Wir haben vielleicht zu lange auf Erwachsenen-Clubbing, Ü21, gesetzt.

Mit El Tony Mate organisiert ihr die Pre-Party zur Clubnacht in der Schickeria an der Langstrasse. Wie wichtig sind solche Partnerschaften, um neue Angebote sichtbar zu machen?
Extrem wichtig. Clubkultur war schon immer ein Spielfeld für Kooperationen – mit Technologie, Mode, Kunst oder Getränken. El Tony ist da ein gutes Beispiel: Der Drink ist in der Szene gewachsen, nicht im Supermarkt. Viele verbinden ihn mit langen Nächten, Wachbleiben, Leute kennenlernen. Solche emotionalen Erinnerungen bleiben – und genau darum funktionieren diese Partnerschaften. Du kannst Emotionen nicht kaufen, aber du kannst dort präsent sein, wo sie entstehen. Clubs sind dieser Ort. Wer dort sichtbar ist, bleibt im Kopf.

Warum braucht Clubkultur politischen Rückhalt, und was muss passieren, damit sie auch in Zukunft ein Teil von Zürich bleibt?
Clubkultur ist kein Luxus, sondern Ausdruck eines menschlichen Grundbedürfnisses: Musik, Bewegung, Emotionen, Ausdruck. Eine Clubnacht ist ein kreativer Akt – live, vergänglich, getragen vom Publikum. Das ist Kultur. Und das verdient Anerkennung. Trotzdem wird sie politisch oft übersehen. Zu lange hatte sie keine Lobby. Und weil sie sich früher selbst getragen hat, wurde nie gefragt, ob sie gefördert werden muss. Heute reicht das leider nicht mehr: Räume verschwinden, Kosten steigen, der Umsatz pro Gast sinkt. Ohne zukünftige Förderung – für Programme, Infrastruktur, Awareness – wird es eng. Besonders spannend finden wir auch Überlegungen dazu, wie der Zugang für junge Menschen zu kulturellen Veranstaltungen unterstützt werden kann, zum Beispiel mittels Kultur-GA. Andere Städte sind weiter: Berlin mit Schallschutzfonds, Amsterdam mit einem Nachtbürgermeister, England mit dem Agent-of-Change-Prinzip. Auch in der Schweiz gibt es in Basel eine Clubförderung. Doch es gibt keine Blaupause der Clubförderung, die man copy-paste an anderen Orten umsetzen kann. Der erste wichtige Schritt ist jeweils, Strukturen zu schaffen, die der Nacht eine Stimme geben.

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